FRANK UHLIG | FOTOGRAFIE | GESTALTUNG | LEHRE |

Zehn Fragen an Frank Uhlig

1.    Wie bist Du zur Fotografie gekommen und was macht für Dich die Faszination am Medium Fotografie aus?

Zur Fotografie bin ich vermutlich über eine defekte 6×6 Rollfilmkamera, die ich als Kind von meinem Onkel bekam, gekommen. Mit dieser Kamera zu fotografieren war absolut faszinierend.
Alles spielte sich ausschließlich in der Phantasie ab. Die Bilder entstanden im Kopf, wurden dort konzipiert, fotografiert, entwickelt, vergrößert und präsentiert.
Im Übrigen eine hervorragende Übung, die man durchaus von Zeit zu Zeit praktizieren sollte…
Im Folgenden die altbekannten, mühseligen und teilweise frustrierenden Erlebnisse einer Karriere, wie man sie auch andernorts bereits sehr oft gehört hat: Vaters alte Spiegelreflex und die ersten Selbstversuche.
Irgendwann dann die eigene Kamera. Konsequenterweise folgte das erste Labor, mit weiteren Selbst- und Fremdversuchen. Erste Aktaufnahmen flüchtiger Bekanntschaften wurden unter Rotlicht in nächtelanger Kleinarbeit zu Papier gebracht. Mit mehr oder minder großem Erfolg.
Ich vermute, dass die eigentliche Initialzündung die Erfahrung im Labor war. Für mich waren diese Erfahrungen, wie die ersten Schritte in eine neue Welt voll unendlichem Möglichkeitsspielraum.
Ein moderner Initiationsritus vielleicht.
Die Faszination, die Fotografie für mich ausmacht? Gibt es darauf für mich eine Antwort?
Wenn ich ehrlich bin eher nicht eindeutig. Natürlich ist das Klammern an eine Stimmung – eine Atmosphäre – das Fundament des Gebäudes. Aber es ist mehr als das.
Der Akt selbst, der Prozess des Fotografierens birgt einen nicht unerheblichen Teil der Faszination, wenn nicht gar den wichtigsten. Ebenso die Nachbearbeitung. Bei meinen freien Arbeiten fünfzig Prozent des Prozesses. Das immer wiederkehrende Betrachten der Bilder, sie einige Zeit liegen zu lassen. Sie wieder aufnehmen, hier und da etwas hinzufügen, wegnehmen – das ist faszinierend.
Manche Bilder brauchen Jahre, bis sie in der endgültigen Fassung vorliegen. Bis sie ihre Geschichte erzählen. Vielleicht gibt es bei manchen Bildern auch keine Endfassung. Sie unterliegen einer immer währenden Veränderung. Es ist wie ein Remix in der Musik, der unter Umständen mehr unter die Haut geht, als das Original.
Vielleicht genügt ein einziger Film im Leben, um mit dessen Bildern ewig arbeiten zu können.

2.    Wo liegen momentan Deine fotografischen Schwerpunkte – und warum?

Schwerpunkte kenne ich eigentlich nicht. Ich bin absolut kein Dogmatiker, von daher steht bei mir immer die Idee oder das spielerische Vorgehen im Vordergrund. Der Rest ergibt sich in logischer Konsequenz eines Arbeitsablaufs. Ich bediene mich hemmungslos meines Werkzeugkastens, auf dass er nicht mehr und nicht weniger ist, als mein Assistent. Grundsätzlich bin ich ein Freund des eher unspektakulären Motivs – was nicht mit Belanglosigkeit verwechselt werden sollte. Begrifflichkeiten wie Ästhetik, Farbe und Komposition sind zentrale Elemente in meinem Ansatz. Dazu gehört auch die Reduktion auf das Essentielle. Und genügend Freiraum für den Betrachter – daher bin ich ein großer Verehrer der Unschärfe oder des harten Kontrastes, auch wenn sich das für einen Fotografen vielleicht im ersten Augenblick merkwürdig anhört. In meinen Arbeiten ist oft weniger das Motiv entscheidend, vielmehr die Atmosphäre, die ich – mittels Bewegung, Komposition und Farbgebung – zu vermitteln versuche.

3.    Verändern sich Deine bevorzugten Genres, Dein Stil oder hast Du für Dich Deinen Weg gefunden?

Veränderungen sind das Salz in der Suppe. Einen eigenen unverkennbaren Stil zu haben, wird gerne als Qualitätskriterium gesehen. Diese These sehe ich kritisch.
Die für den Fotografen in seinem momentanen Kontext maximale Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten hat für mich oberste Priorität. Keine Freiheitsbeschränkung. Dies beinhaltet die Möglichkeit einer Weiterentwicklung. Der Gefrierzustand einer stilverhafteten Arbeitsweise ist mir zu statisch. Aber eine persönliche Handschrift darf natürlich trotzdem gerne wieder erkannt werden…

4.    Gibt es Vorbilder?

Ja, es gibt Vorbilder. Aber keine Idole.
Alle zusammen ergeben ein erstklassiges Menü:
Zum Aperitif: Avedons Händchen für Lichtführung
Vorspeise: Newtons Hang zu unterkühlter Erotik
Hauptgang: Cartier Bresson dirigiert in Sachen Bildgestaltung den Braten;
Ellen von Unwerth würzt mit einer Prise ihrer Unbeschwertheit nach
Dessert: Saul Leiter sorgt im Abgang für Farbe
Personal: Lindbergh gibt den Chefkellner, während Sieff, berüchtigt für Humor und  Feinsinnigkeit, den Somelier mimt.
Den Espresso bringt uns Bettina Rheims.
Das Bodenpersonal besteht aus Strand, Häusser, Ritts.
Die Rechnung bringt Penn.
Shore hilft mir in den Mantel.
Und zahlen tut der Chef: Nick Knight. Basta.

5.    Ist Technik für Dich wichtig, oder schränkt sie Deiner Meinung nach nur die Unbefangenheit ein – und warum?

Technik ist das Fundament – der Werkzeugkasten, den man ab und an wieder mal über Bord werfen sollte.
Nur zu meinem Lichtaufzeichnungsapparat habe ich einen eindeutig-emotionellen Bezug. Er ist mein Komplize, muss sich charmant in die Hand schmiegen, und professionell-zurückhaltend seinen Dienst tun. Postprocessing oder analoge Dunkelkammer sind aber ebenso wichtig für das Menü wie der Einkaufszettel.

6.    Wie entstehen Deine fotografischen Projekte und Ideen? Arbeitest Du konzeptionell oder „konzeptlos“?

Meine Ideen entstehen oft spontan, sind meist in alltäglichen Situationen verwurzelt, sind emotionell und setzen sich in meinen Gehirnströmungen fest, mäandern hin und her, bis sie irgendwann ihre Geschichte erzählen und als Bild sichtbar werden. Ich arbeite ganz gerne spielerisch, aber trotzdem steht hinter allem eine wohlüberlegte Idee, ein Konzept oder eine Thematik. Es gibt aber auch ein immer umfangreicher werdendes Lager an Bildmaterial, das vor sich hin schlummert und wartet bis die Zeit für dieses oder jenes Motiv reif ist.

7.    Verstehst Du dich in erster Linie als künstlerischer Fotograf, als gestaltender Handwerker oder als fotografierender Künstler?

Schwierige Frage. Wenn man mal mit kommerzieller Fotografie seinen Kühlschrank füllen musste, relativieren sich solche Fragen schnell. Ich muss hier eindeutig differenzieren. Auftragsgebunden zu arbeiten, heißt in aller Regel dem Kunden zu dienen. Wer was anderes behauptet, macht sich selbst etwas vor. Natürlich gibt es auch hier einen „gewissen“ Spielraum. Insofern würde ich bei angewandten Arbeiten eher vom gestaltenden Foto-Designer reden.
Bei meinen freien Themen vom künstlerischen Fotograf. Durch meine Prägung werde ich nie dem völlig losgelösten Ansatz nachgehen können, eine Kamera ausschließlich als reines Instrument für eine höhere Metaebene zu benutzen.
Ich habe hier bewusst das Wort „naiven Umgang“ vermieden, obwohl ich das nicht negativ verstanden wissen möchte. Eine technisch völlig unbefangene Arbeitsweise, finde ich persönlich absolut faszinierend, nur ist mir dies –  leider – nicht mehr möglich.
In meiner Funktion als Lehrer kann ich solche Anlagen sicherlich erkennen und entsprechend fördern. Für meine eigenen Arbeiten bleibt mir diese Methodik allerdings verbaut.
Von daher sehe ich mich als einen künstlerisch arbeitenden Fotografen.

8.    Fotografie und Kunst – wie bewertest Du persönlich die aktuelle Stellung der Fotografie in der Kunst?

Schwierig. Natürlich gibt es alles schon. Alles gesehen, alles ist bereits aufgezeichnet. Aber dies gilt selbstverständlich für alle künstlerischen Disziplinen. Die Herausforderung besteht meiner Ansicht nach in der Variation und der Interpretation der Motive und der Geschichten. Für mein Empfinden wird es nur problematisch, wenn Bilder nicht mehr für sich selbst sprechen können und seitenlange Erklärungen von Nöten sind, weil wir vor nichtssagenden Bilder stehen und uns fragend ansehen. Dann stimmt etwas mit der Übertragung nicht mehr. Wenn es zu kopflastig und zu konzeptionell wird; dann rückt die eigentliche Fotografie in den Hintergrund und fleht um Erklärung. Das finde ich schade.

9.    Wie siehst Du deine fotografische Zukunft?

Meine Zukunft? Hmm. Hoffentlich ausreichend sensibilisiert zu sein, um genug interessante Ideen und Impulse aufnehmen zu können, die Bilder in meinem Kopf generieren, welche ich wiederum 1:1 aufs Papier bringen kann.

10.    Traumberuf Fotograf? Für Dich persönlich (k)eine Perspektive – warum?

Darauf habe ich keine Antwort. Das hängt von sehr, sehr vielen Faktoren ab, die sich weit jenseits von Talent, Engagement, Ausdauer, Fachwissen und Neugier befinden. Immerhin verdiene ich mein Geld seit mittlerweile zwanzig Jahren direkt oder indirekt durch die Fotografie – unter verschiedensten Voraussetzungen und unter diversen Vorzeichen und Gegebenheiten.

Eine weitere Ausschweifung würde ins Metaphysische führen. Deshalb Punkt.

© Frank Uhlig; 2013

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